Kardinal Johannes Geissel von Köln

Kardinalerzbischof Johannes v. Geißel
oder
„Schan Schack Schesel de Schimeldãnsché“
(wie er sich selbst vorstellte)



Im Februar 1796 wurde in Gimmeldingen bei Neustadt a. d. Haardt dem Winzer Nicolaus Geißel und dessen Ehefrau Theresia geb. Motzenbäcker deren ältester Sohn geboren und auf den Namen Johannes getauft. Der Eintrag über die erfolgte Taufe befindet sich im katholischen Kirchenbuch Mußbach. Da die linksrheinischen Gebiete damals unter französischer Herrschaft standen, mussten die Geburten, Heiraten und Sterbefälle in so genannte Cicilstandsregister, einem Vorläufer unserer heutigen Personenstandsregister eingetragen werden. Die Einträge erfolgten in französischer Sprache und so kam der Knabe zu dem Namen Jean Jacques. 
„Schan-Schack“ wie der Knabe gerufen wurde, hatte noch vier jüngere Geschwister, 2 Brüder und 2 Schwestern. 

Da Gimmeldingen zu der Zeit überwiegend reformiert war und nur wenige katholische Einwohner hatte, besuchten die Kinder die katholische Schule in der Nachbargemeinde Mußbach. 
Der damalige Lehrer an der katholischen Schule Mußbach, Johannes Binkmeyer (1793 – 1824) erkannte recht bald die außergewöhnliche Begabung des jungen Johann Jacob und förderte ihn, soweit er konnte. Auch der katholische Pfarrer zu Mußbach, bei welchem der Knabe als Ministrant bei der heiligen Messe wirkte, bemerkte sehr rasch, dass der Junge sehr aufgeweckt und seinen vergleichbaren Altersgenossen geistig überlegen war. 
Bei diesem Pfarrer (1782 – 1808) handelt es sich um den Kapuzinerpater Theodulph aus dem Kloster Neustadt. Vor den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1794, bei denen auch die Pfalz wieder einmal in Mitleidenschaft gezogen wurde, floh derselbe vor den Franzosen über den Rhein. Nachdem sich die Lage wieder etwas normalisiert hatte, kehrte er nach Mußbach zurück. Um den neuen Herren Rechnung zu tragen, musste er jedoch seine Mönchstracht

ablegen und seinen Familiennamen Eresheim führen. Er wirkte dann noch bis zum Jahre 1808 als Pfarrer in Mußbach. Offiziell hörte die Pfarrei 1808 auf zu existieren. Die Mußbacher katholischer Gemeinde, welche ja noch Gimmeldingen, Lobloch, Haardt, Winzingen und Hilpertseck als Filialen hatte, wurde nach Neustadt a. d. Haardt eingepfarrt. 
Dieser Pfarrer Eresheim förderte und ermutigte den Bub. Auch den ersten Lateinunterricht ließ er ich angedeihen. 
Auf das Betreiben des Pfarrers und des Lehrers, also zwei der „Gebildeten“ der Dorfgemeinschaft und deren nachdrücklicher Vorsprache bei den Eltern, kam der Junge auf die Neustadter Lateinschule. Zuerst eigentlich gegen den Willen der Eltern, welche der damaligen Auffassung entsprechend in ihrem ältesten Sohn eigentlich eine billige Arbeitskraft sahen. Dem Zeitgeist zufolge sollte er eigentlich auf den Weinbergen und Äckern der Familie zum Unterhalt beitragen. Stattdessen beschäftigte sich der Knabe nun mit lateinischer Grammatik und französischen Vokabeln. Das anfängliche Widerstreben der Elter verwandelte sich jedoch bald in Wohlwollen. Dazu kam sicherlich auch noch der Stolz, dann später einen „Studierten“ in der Familie zu haben. Was in diesen Kreisen und zu diesen Zeiten, in denen der Großteil der Bevölkerung nicht einmal lesen und schreiben konnte, wirklich schon etwas war, auf das man stolz sein konnte. 
Im Jahre 1809 war es dann so weit. Der junge Geißel, nun 13 Jahre alt, kam in die Lateinschule. Er lebte fortan in Neustadt, von dem dortigen Kaplan Mayer, seinem neuen Gönner und Förderer, auf das Beste unterstützt. Am Ende des 1. Schuljahres auf der Lateinschule war er der beste Schüler der Klasse und erhielt den Vortrefflichkeitspreis. 
Im Jahre 1811 wurde Kaplan Mayer nach Edesheim in die dortige Pfarrei als Pfarrer versetzt, wo er eine höhere Knabenschule einrichtete. Sein Schützling ging mit seinem Gönner nach dort und unterstützte diesen beim Unterricht. 
Johann Jacob Geißel ging 1814 nach Mainz, um an dem dortigen Lyzeum das Studium der Theologie aufzunehmen. 

Nachdem Napoleon I. 1814 entscheidend geschlagen war, musste er als Kaiser der Franzosen abdanken. Er wurde mit der Herrschaft über die Insel Elba abgefunden, seinem Verbannungsort. Durch die Unruhen auf dem europäischen Kontinent (Friedenskongress in Wien – europäische Neuordnung) und das immer unbeliebter werdende, wieder eingesetzte bourbonische Königshaus in Frankreich, wollte der abgesetzte Kaiser sein altes Schlachtenglück noch einmal versuchen. Er landete am 01.03.1815 mit 1100 Getreuen in Cannes. Durch Überläufer stieg sein Truppenpotential von Tag zu Tag. Am 18.06.1815, bei der Schlacht von Waterloo (Belgien), fand er in dem strategisch genialen Zusammenspiel der englischen und preußischen Heerführer Wellington, Gneisenau und Blücher, seine endgültigen Bezwinger.


Mainz – das neue Domizil des frisch gebackenen Theologiestudenten – seit Römerzeiten Garnisonsstadt mit großen Befestigungsanlagen, natürlich auch von den Franzosen in diese Richtung genutzt, verwandelte sich durch die vorerwähnten Ereignisse in ein großes Heerlager. Lazarette für Verwundete und Kranke und verschiedene ausbrechende Seuchen brachten das normale bürgerliche Leben fast zum Erliegen. Scheunen, Lagerhäuser, Schulsäle wurden provisorisch als Unterkünfte für Verletzte hergerichtet. So kam es, dass unser hoffnungsvoller, junger Candidatus theologicus“ kaum seine Studien aufgenommen, schon wieder unterbrechen musste. So wirkte sich also die große Weltpolitik am Rande auf das berufliche Fortkommen von Johann Jacob Geißel aus. Jedoch ohne ihn vom einmal gewählten Wege abzubringen oder gar aufhalten zu können. Jahre später gehörte er selbst zu den Großen an den Schalthebeln der Macht, was natürlich zu der Zeit noch nicht absehbar war. Momentan blieb ihm nichts anders übrig, als sich zu Fuß von Mainz in seinen Heimatort Gimmeldingen zu begeben. Die Eisenbahn gab es damals noch nicht und die Postkutsche, die zwar regelmäßig verkehrte, war für ihn zu teuer. 
Als wieder Friede und Ordnung eingekehrt war, man schrieb zwischenzeitliche das Jahr 1816, kam Geißel nach Mainz an das Priesterseminar zurück, wo er seine Studien fortsetzte. 
Die Priesterweihe erhielt er als 22jähriger im Jahre 1818. Gleich im Anschluss bekam er seine erste Anstellung als Pfarrverweser nach Hambach. Diese Episode war jedoch nur von kurzer Dauer. Geißel erhielt eine Berufung als Studienprofessor an das Gymnasium nach Speyer. 
Im Juni 1826 wurde er zum Domkapitular in Speyer ernannt. 1836 wird er Domdechant. In dieser Stellung hatte er mehrmals Kontakte zu König Ludwig I. von Bayern, welcher ihn dabei schätzen lernte. Als die Stelle des Bischofs von Speyer im Jahre 1837 neu zu besetzen ist, kommt Geißel kaum 41jährig auf den Bischofsstuhl. 
Im Jahre 1835 fand auch im Erzbistum Köln ein Führungswechsel statt. Dort kam Clemens August Freiherr von Droste zu Vischering als Clemens August von Köln als 89. Erzbischof in Amt und Würden. Dieser legte sich in dogmatischer Starre mit dem preußischen Staate an. Preußen – protestantisch – aber eigentlich in Glaubensfragen ziemlich tolerant, hatte Gesetze über die konfessionell gemischten Ehen erlassen. Clemens August lehnte sich dagegen auf und es kam zum „Kirchenstreit in Preußen“. Diese Rangeleien führten dazu, dass der Erzbischof sich in freiwillige Verbannung begab und somit der Bischofssitz verwaist war. 1837 erfolgte dann seine Amtsuspension. 
König Ludwig I. von Bayern als Anwalt der Katholiken und König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen als Vertreter der Protestanten bemühten sich nun um einen Ausgleich. (Beide waren übrigens verschwägert, da Friedrich Wilhelm mit Prinzessin Elisabeth von Bayern, einer Schwester von Ludwig vermählt war). König Ludwig schlug seinen Speyerer Bischof Johannes Geißel vor, welcher wegen seiner gemäßigten Haltung und seines diplomatischen Geschicks als Friedensstifter zwischen den Parteien auftreten sollte. Von König Friedrich Wilhelm akzeptiert wurde Bischof Geißel 1842 als Koadjutor nach Köln berufen, um den Frieden zwischen Kirche und Staat wieder herzustellen. Dieses gelang ihm auch, ohne unverzichtbare Positionen aufgeben zu müssen. 
Zum Dank schenkte ihm Friedrich Wilhelm seine besondere Gunst (was aber nicht viel aussagte, da er diese generell und an alle verschenkte). Im Jahre 1846 verlieh er dem Erzbischof Geißel den „Schwarzen Adlerorden“. Dieser höchste preußische Orden, welcher nur in einer Klasse verliehen wurde, ist mit dem Erbadel verbunden gewesen. Die Devise des Ordens lautete: „Suum cuique“ (Jedem das Seine“. Des Bischofs eigene Devise lautete: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“. 
Mit dem Staat und seinen Organen stand Geißel immer in gutem Einvernehmen. Hier kamen ihm seine Flexibilität und sein Verhandlungsgeschick, welches evtl. auch aus seiner bäuerlichen Herkunft abzuleiten ist, sehr gelegen. 
Nachdem sein Amtsvorgänger, Clemens August, im Jahre 1845 verstorben war, trat Johannes Geißel am 01.01.1846 die Nachfolge auf dem Kölner Bischofsstuhle an, als 90. Erzbischof von Köln. 
Die deutsche Bischofskonferenz in Würzburg 1848, welche unter der Leitung des Erzbischofs von Geißel stand, forderte und erlangte die Unabhängigkeit der Kirche von der Staatsgewalt. 
Als Auszeichnung und Belohnung für diese Leistung verlieh ihm Papst Pius IX (1884 – 1878) im Jahre 1850 den Kardinalshut. Johannes von Geißel wurde somit der 1. Kardinal auf dem Kölner Bischofsstuhl. 
Am 13.08.1862 feierte Kardinal Erzbischof Johannes von Geißel sein 25jähriges Bischofsjubiläum. Die Ehrungen, Glückwünsche und Geschenke aus diesem Anlass kamen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. 
Zu seiner Mutter hatte Johannes Geißel immer ein sehr herzliches Verhältnis. Nach dem Ableben seines Vaters (1829) legte er großen Wert darauf, dass sie immer bei ihm war, sowohl in Speyer als auch später bis zu ihrem Tode (1843) in Köln, wo sie auch begraben wurde. 
Bis in seine letzten Lebensjahre besuchte Kardinal von Geißel alljährlich seine Heimatgemeinde. Er wohnte dann immer bei seiner in Mußbach verheirateten Schwester. 
Am 08.09.1864 verließ der Hirte seine Herde, über 22 Jahre hielt er den Hirtenstab über die Erzdiözese Köln. Sein Wirken für seinen Amtsbereich und darüber hinaus für das ganze katholische Deutschland war sehr segensreich. 
Seine letzte Ruhestätte fand Johannes von Geißel vor den Stufen des Hochaltars des Kölner Doms. 
Aus Dankbarkeit gegen die Mußbacher Kirche vermachte er ihr in seinem Testament 6000 Gulden und darüber hinaus noch 1000 Taler zur Neu-Errichtung einer eigenen Mußbacher Pfarrei. (Diese Neugründung geschah im Jahre 1905). 
Die in der Familientradition festgehaltene Überlieferung, dass die Familie Geißel und die Vorfahren des Kardinals seit jeher dem katholischen Bekenntnisse angehört hätten, stimmt insoweit nicht, dass die Ahnen außer den „Geißel“ und den „Mayer“ alle dem reformierten Glauben angehörten. Selbst bei dem Ur-Ur-Ur-Großvater Gerhard Geißel (1642 – 1727), welcher von 1699 – 1725 kurpfälzischer Schultheiß zu Mußbach war, wäre möglich, dass er vom reformierten zum katholischen Glauben übergetreten ist. Sollte das der Fall gewesen sein, so geschah es sehr wahrscheinlich aus politischen Gründen. Neben anderen Namensträgern erscheint nämlich 1703 in den Almosenrechnungen der reformierten Gemeinde Mußbach auch ein „Herr Schultheiß Gerhard Geißel“. Eine endgültige Klärung über die Glaubenszugehörigkeit der Mußbacher Familien aus dieser Zeit dürfte vermutlich heute kaum noch feststellbar sein. Die katholischen Kirchenbücher für Mußbach beginnen erst mit dem Jahr 1700, die Bücher der reformierten Gemeinde sogar erst mit dem Jahr 1721. Frühere Aufzeichnungen sind, falls überhaupt vorhanden gewesen, nicht mehr auffindbar. 
Im Jahre 1932 wurde an dem Geburtshaus von Johannes Geißel in Gimmeldingen eine Erinnerungstafel angebracht. So gedachte die Gemeinde, zwar spät, ihres wahrscheinlich größten Sohnes 
Johannes Geißel